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Stellungnahme zum Vorfall in einem Berliner Jugendclub

Berlin, 20.03.2026

Die aktuellen Berichte über sexualisierte Gewalt in einem Berliner Jugendclub nehmen wir mit großer Besorgnis zur Kenntnis. Im Mittelpunkt muss aus unserer Sicht konsequent der Schutz und die Unterstützung der betroffenen Person stehen.

Die häufig erhobene Forderung nach einer Strafanzeige greift aus Kinderschutzperspektive zu kurz. Strafverfahren dauern oft sehr lange und stellen für Betroffene eine erhebliche zusätzliche Belastung dar. Gleichzeitig liegt die Verurteilungsquote bei sexualisierter Gewalt in Berlin seit Jahren auf einem sehr niedrigen Niveau von unter fünf Prozent. Dies macht deutlich, dass eine Strafanzeige nicht dazu dient, eine lückenlose Aufklärung weder der Geschehnisse noch der damit verbundenen Verantwortlichkeiten zu gewährleisten. Eine Anzeige kann sinnvoll sein, es besteht hierzu aber keine Pflicht, und diese darf auch nicht zur alleinigen oder vorrangigen Maßnahme erklärt werden.

Problematisch ist, dass die Perspektive der Betroffenen in der öffentlichen Berichterstattung und Aufarbeitung bislang kaum berücksichtigt wird. Eine konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen und Rechten von Betroffenen muss jedoch leitend für alle weiteren Schritte sein.

Mit Sorge beobachten wir Versuche, den Vorfall rassistisch zu instrumentalisieren. Sexualisierte Gewalt ist kein kulturell bedingtes Phänomen, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Der kulturelle Hintergrund von Tatverdächtigen ist nicht ausschlaggebend für das Auftreten von sexualisierter Gewalt. Eine solche Verkürzung verstellt den Blick auf notwendige strukturelle Lösungen.

Dringend erforderlich ist stattdessen die Stärkung von Schutzkonzepten und präventiven Maßnahmen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit. Mitarbeitende müssen umfassend geschult werden, um eine Haltung zu entwickeln und Grenzverletzungen frühzeitig zu erkennen, angemessen zu reagieren und Betroffene professionell zu unterstützen. In den vergangenen Jahren wurden entsprechende Projekte reduziert oder eingestellt. Besonders im letzten Jahr bekamen wir als Fachberatungsstelle deutlich weniger Anfragen für Prävention, da vielen Institutionen die Mittel stark gekürzt wurden.

Außerdem sehen wir eine deutliche Lücke im Bereich der kritischen Jungen*arbeit. Es braucht mehr Angebote, die sich pädagogisch mit übergriffigem Verhalten auseinandersetzen und junge Menschen frühzeitig in ihrer Entwicklung zu respektvollen Beziehungen begleiten. Aktuell bestehen hier gravierende Defizite.

Wir fordern daher eine sachliche, differenzierte Debatte sowie nachhaltige Investitionen in Prävention, Schutzkonzepte und genügend Ressourcen, um fachliche Arbeit mit Jugendlichen gewährleisten zu können.